"Der
Kapitalismus ist Schuld am Hunger"
Alle
fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Das ist kein
Schicksal, sondern Produkt des globalen, vom Westen beherrschten
Wirtschaftssystems, meint der UN-Sonderberichterstatter für das
Recht auf Nahrung, Jean Ziegler
taz:
Herr Ziegler, Sie sind nach Jahrzehnten als Universitätsprofessor
und Parlamentsabgeordneter nun UN-Sonderberichterstatter für das
Recht auf Nahrung. Ist das auch eine Rückkehr zu Ihren Wurzeln?
Jean
Ziegler: Mein Schlüsselerlebnis war im
Kongo, da war ich ein ganz junger Mann. Ich arbeitete damals, Mitte
der Sechzigerjahre, für die UNO. Das war ja das erste Mal, dass die
Weltorganisation ein Land übernommen hat. Wir saßen in unserem
Luxushotel in Kinshasa, das war bewacht von den Gurkhas, den
nepalesischen Blauhelmen. Täglich kamen Kolonnen halb verhungerter
Kinder aus der Stadt. Die Köche warfen ihnen Speisereste über den
Stacheldraht. Die Kinder kletterten in den Draht, rissen sich die
Finger auf. Die Gurkhas schlugen ihnen auf den Kopf, damit sie nicht
rüber kommen. Damals habe ich mir geschworen, nie wieder auf der
Seite der Henker zu stehen - auch nicht zufällig.
Seit
einigen Jahren kämpfen Sie nun gegen den Hunger in der Welt.
Ich
stehe jetzt dem gegenüber, was eigentlich die Essenz unserer
Wirtschaftsweise ist. 100.000 Menschen sterben täglich an Hunger
oder seinen unmittelbaren Folgen. Alle fünf Sekunden verhungert ein
Kind unter zehn Jahren. 856 Millionen Menschen sind schwer
unterernährt - einer von sechs Menschen auf diesem Planeten. Und das
auf einem Erdball, der vor Reichtum überquillt. Schon heute könnten
ohne Probleme 12 Milliarden Menschen ernährt werden, also das
doppelte der Weltbevölkerung. Das heißt: Ein Kind, das heute an
Hunger stirbt, wird ermordet.
Aber
kann man das dem globalen Kapitalismus anlasten? Gehungert wird doch
dort, wo er kaum Wurzeln geschlagen hat.
Der
Hunger hat schon mit einer mörderischen Monopolisierung der
Reichtümer zu tun. Die 500 größten multinationalen Konzerne
kontrollieren 52 Prozent des Weltsozialprodukts. Sie haben heute
eine Macht, die kein Papst, kein König je hatte.
Ist
der Hunger ein Nebenprodukt oder ist er Folge einer inneren Logik
des Systems?
Die
Kausalkette ist kompliziert. Es gibt den konjunkturellen Hunger -
der klassische Mangel, die Katastrophen, Klima, Heuschreckenplagen,
Kriege, all das, was schwache Ökonomien kollabieren lässt. Zehn
Prozent der Hungernden auf der Welt sind Opfer solcher Krisen. Viel
bedeutender ist der strukturelle Hunger. Die Ursachen dafür: Kein
Zugang zum Land, fürchterliche Pachtverträge, Kleinstbetriebe, die
der Konkurrenz nicht bestehen und die die Menschen nicht ernähren
können. Permanent fehlendes Einkommen, informelle Ökonomie. Und
diese Struktur wird bestimmt von der Weltordnung und der
multinationalen Ökonomie. 90 Prozent der Hungertoten gehen auf das
Konto des strukturellen Hungers.
Könnte man nicht sagen: Wo der Kapitalismus Wurzeln schlägt, rottet
er auch den eklatanten Mangel aus?
Die
neoliberale Irrlehre glaubt, wenn nur Bedingungen wie
Liberalisierung, freier Kapitalverkehr, ein schlanker Staat
verwirklicht würden, gäbe es einen wahren Goldregen - das ist so
Irrational wie das Paradies im Christentum. Die Fakten sehen anders
aus: Goldberge türmen sich auf und daneben Leichenberge. Infolge des
Prinzips der Profitmaximierung bekämpfen sich die Multis
untereinander, und sie führen Krieg gegen die Menschen. So
erwirtschaftet das boomende Indien heute Reichtümer in der
Hochtechnologie, gleichzeitig sind 400 Millionen Menschen
unterernährt. Die Hälfte der unterernährten Menschen der Welt lebt
in Indien.
Ginge
es diesen Ländern besser, wenn sie nicht Teil des globalen
Weltkapitalismus wären?
In
Brasilien sind 44 Millionen Menschen schwer unterernährt. Lula, der
Präsident, will den Hunger bekämpfen, hat aber eine exorbitante
Auslandsschuld geerbt. Hinzu kommt: Die Multis transferieren Devisen
zu ihren Muttergesellschaften. Für Lizenzen, für Saatgut werden
unerhörte Summen bezahlt. Das fruchtbare Land ist monopolisiert. All
das bedeutet: Es gibt keinen Spielraum für Reformen. Am Ende steht
der Hunger.
Wie
könnte man das ändern? Was etwa kann die EU tun?
Die EU
müsste ihre Export- und Produktionssubventionen in der
Landwirtschaft abschaffen. Alle Industrieländer zusammen haben 2004
für Produktions- und Exportsubventionen landwirtschaftlicher Güter
349 Milliarden US-Dollar ausgegeben - fast 1 Milliarde Dollar am
Tag! Die Zerstörung der lokalen Märkte in Entwicklungsländern durch
Billigexporte aus der EU ist ein schon lange bekannter Skandal. Die
senegalesischen Bauern rackern sich 16 Stunden unter brennender
Sonne ab. Aber auf dem Markt in Dakar haben sie keine Chance, weil
europäisches Gemüse zu einem Drittel des einheimischen Preises kauft
wird. Was wir brauchen, sind gerechte Regeln.
INTERVIEW: ROBERT MISIK
taz vom
3.6.2006, S. 12, 159 Z. (Interview), ROBERT MISIK
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